Brennpunkt Ruhrgebiet: Zwei der bedeutendsten Chronisten der politisch bewegten Geschichte des Ruhrgebiets zwischen 1918 und 1930 sind Hans Marchwitza (1890-1965) und Erik Reger (1893-1954). Hans Marchwitza über seine Herkunft: »Mein Großvater war Bergmann, Vater war Bergmann, meine ganze Familie waren Bergarbeiter. Und auch ich kam mit 14 Jahren in die Grube, und zwar in Oberschlesien. Ich wäre gern in eine Lehre gegangen, um nicht in die Grube hinein zu müssen…. Man hielt uns nicht nur körperlich, man hielt uns erst recht geistig nieder… Wir waren aber alles andere als satt und fröhlich, als zufrieden und glücklich. Wir waren sehr unglückliche Menschen, vom ersten Schrei bis ins Greisenalter.« Marchwitza kam 1910 ins Ruhrgebiet, wo er nicht nur schwerste Arbeit zu verrichten hatte, sondern auch als Lohndrücker gegen die Ruhrbergleute eingesetzt wurde. 1912 wurde er nach einem Streik entlassen. Seit 1918 war er politisch aktiv. 1920 kämpfte er mit der »Roten Armee« gegen die Reichsregierung, drei Jahre später wirkte er am Widerstand gegen die Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen mit, beides Ereignisse, die er in seinem Werk »Sturm auf Essen« (1930) verarbeitete. Der aufrührerische Tendenzroman eröffnete die Reihe »Der Rote Eine-Mark-Roman«, die es auf eine Auflage zwischen 175.000 und 300.000 Exemplaren brachte. Er erregte großes Aufsehen und wurde im Jahr darauf verboten. Im Vordergrund von Marchwitzas Werk stand lange Zeit eine DKP-linientreue Tendenz. So trat der Autor für eine sozialistische Massenliteratur ein. In seinen späteren Werken (»Die Kumiaks« 1934, fortgesetzt 1952 und 1959) legte er größeren Wert auf literarische Qualität. Hauptfigur ist der aus Westpreußen ins Revier eingewanderte Bergarbeiter Peter Kumiak, der während der Ruhrbesetzung auf naiv-unbedarfte Weise zwischen die politischen Fronten gerät. Nach wechselvollen, von politischen Kämpfen geprägten Jahren war Marchwitza später Gründungsmitglied der »Deutschen Akademie der Künste« und Vizepräsident des »Deutschen Schriftsteller-Verbandes« der DDR. Er erhielt hohe staatspolitische Auszeichnungen, u.a. den Nationalpreis der DDR. Er starb 1965 in Potsdam.
Tondokumente
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Sturm auf Essen audio/mpeg, 13 MB