Anfang der 1970er Jahre hatte sich die Gruppe 61, auch nach Einschätzung ihrer Mitglieder, überlebt. Schon 1967 waren bei einem Treffen der Gruppe unterschiedliche Auffassungen über Aufgaben und Arbeitsweise der Gruppe zutage getreten. Die jüngeren Autoren, darunter Günter Wallraff, Erika Runge und Angelika Mechtel, planten, örtliche Gruppen, sogenannte Werkstätten, ins Leben zu rufen, in denen schreibende Arbeiter und Autoren gemeinsam Texte erarbeiten sollten. Ein Vorbild war die »Literarische Werkstatt Gelsenkirchen«. Um schreibende Arbeiter kennen zu lernen, wurde noch unter dem Dach der Gruppe 61 ein Reportagewettbewerb ausgelobt. Etwa 150 Einsendungen gingen ein. Bei der Herbsttagung der Gruppe 61 traf die Lesung der Preisträger des Reportagewettbewerbs auf mehr Interesse als die Lesung von Mitgliedern der Gruppe 61. Im November 1969 konstituiert sich eine selbständige »Gruppe 70 für Literatur der Arbeitswelt«. Im Januar 1970 wurde der Bruch mit der Gruppe 61 offiziell vollzogen. Zwischen Herbst 1969 und 1978 entstanden bundesweit etwa 50 Werkstätten, von denen 30 aktiv waren. Seit 1970 nannte man sich offiziell »Werkkreis Literatur der Arbeitswelt«. 1970 wurde ein Arbeitskreis »Grafik« angegliedert, wie überhaupt die Bildende Kunst einen nicht geringen Anteil an der Werkkreis-Arbeit nahm.Zum Programm des Werkkreises heißt es allgemein: »Arbeiter und Angestellte arbeiten in über 30 Werkstätten mit Schriftstellern, Journalisten und Wissenschaftlern zusammen. Sie setzen sich kritisch und schöpferisch mit den Arbeits- und Alltagsverhältnissen der Werktätigen auseinander. Der Werkkreis versucht, mit sprachlichen Mitteln die Probleme der Arbeitswelt als gesellschaftliche bewusst und durchschaubar zu machen.«Die aufgesplitterte Organisationsform des Kreises führte zu ganz unterschiedlichen Arbeitsergebnissen. Ein gemeinsamer Nenner war, dass man stärker als die Gruppe 61 in die Öffentlichkeit ging und hier offensiv politisch und agitativ tätig war (Plakataktionen; Texte auf Bierdeckeln und Streichholzschachteln, Agit-Prop-Aktionen usw.). Das breit gefächerte Themenspektrum spiegelt sich auch in der Schriftenreihe des Werkkreises wider, die im renommierten Fischer-Verlag erschien. Seit 1973 kamen hier über 50 Titel des Kreises heraus. Mit der Reihe gelang es, Literatur für Arbeiter zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Erfahrungen, Berichte und Reportagen aus dem Arbeitsleben und dem Alltag (neben Bänden zur Geschichte der Arbeiterbewegung) sollten neue Leserkreise erschließen und zum eigenen Schreiben anregen. Die Gesamtauflage der Reihe lag bei 350.000 Exemplaren. Daneben gaben die einzelnen Werkstätten eigene Publikationen und Broschüren heraus. 1981 nannte der Werkkreis eine Gesamtauflagenhöhe von 1 Million Exemplare.
Tondokumente
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Die Methode des Studienrats W. audio/mpeg, 9 MB
