1979 Ernst Meister: Wandloser Raum

Der Hagener Ernst Meister, Jg. 1911, verkörperte Mitte der 1950er Jahre den Prototyp eines neuen westfälischen Schriftstellers, eines Autors, der über ein modernes Formbewusstsein verfügte und virtuos und radikal Spracherkundung betrieb. Als Meister 1957 den Droste-Preis erhielt, wurde er als »Künder neuer Wirklichkeiten« gefeiert. Er debütierte bereits 21jährig mit dem Gedichtband »Ausstellung«. In dem Band klingt ein Motiv an, das für ihn bestimmend bleiben sollte: »Im Nichts hausen die Fragen. / Im Nichts sind die Pupillen groß. / Wenn Nichts wäre, / o wir schliefen jetzt nicht / und der kommende Traum / sänke zu Tode unter blöden Riesenstein.« Meisters abstraktes Denken und Dichten kreist um Sein, Zeit, Tod, Dasein, Mythos, Bibel: »Wenn mich hartnäckig etwas beschäftigt hat und noch immer beschäftigt, so ist es der Gedanke an Sein überhaupt…« Auf die Frage, wie seine Gedicht entstünden, antwortete er: »Wie geschieht das? Es geschieht in der Tat durch den einfallenden Gedanken. Ich muß Ihnen bekennen, dass bei mir Dichten identisch ist mit Denken. Wie diese Einheit zustandekommt – und das heißt: richtig zustandekommt – , ist wiederum ein Rätsel…«Meisters Werk umfasst über zwanzig Gedichtbände, Hörspiele, zwei Theaterstücke, Aufzeichnungen, Essays und zum Teil noch unveröffentlichte Prosaarbeiten. Seine »Lyrik ist in einem fast klassischen Sinne »Gedankenlyrik«, auch wenn subjektive Erfahrungen und Erlebnisse immer wieder zum Auslöser von Gedichten wurden. Sie ist seit den 50er Jahren erklärtermaßen auf der Suche nach der »Formel«, dem »Begriff« für das »Ganze« der Wirklichkeit und erreicht so im Laufe der Entwicklung eine bewundernswerte thematische und stilistische Geschlossenheit. Das Spätwerk des Dichters steht in intensivem Dialog mit den lyrischen und philosophischen Traditionen Deutschlands und Frankreichs. Den sicherlich nachhaltigsten Einfluss haben jedoch der späte Hölderlin und, was die Begrifflichkeit angeht, Heidegger auf Meisters lyrische Sprache ausgeübt. Die Lyrik Ernst Meisters ist, so fern sie der Alltagssprache und der Tagesaktualität steht, jedoch nicht monologisch und verschlossen, sondern richtet sich an ein Gegenüber, das unterrichtet und verändert werden soll.« (Reinhard Kiefer)Die Gedichte aus »Wandloser Raum«, Meisters letzter Gedichtsammlung, bilden in ihrer Konzentriertheit so etwas wie das Substrat der Meisterschen Gedankenwelt. In einem Interview, das der Kritiker Jürgen P. Wallmann am 4. Dezember 1978 mit dem Dichter in Hagen führte, sprach Meister eindrücklich die zentralen Themen dieser Gedichte an: »Meine Gedanken waren auf das, was man Ewigkeit nennt, ausgerichtet. Dieser Begriff wird meist erbaulich verstanden. Pascal hat ihn nicht erbaulich verstanden, sondern an Ewigkeit zu denken war für ihn ein Schauder. Auch ich hatte zu dieser Zeit überhaupt keine erbaulichen Gedanken. Zu dem Denken von Ewigkeit trat alles hinzu, was damit zusammenhängt im zeitlichen und räumlichen Sinne, und in der Tat hängt dann der Band, der dem ›Zeitspalt‹ folgte, in seiner Problematik vollkommen zusammen mit der des ersten Bandes: Er betrifft also unsere kosmische und unser enges Bewußtsein erschreckende Umgebung.« Die tragenden Begriffe von Meisters späten lyrischen Texten sind »Ewigkeit«, »Zeit«, »Raum«, »Sein« und »Nichtsein«. Das Gedicht »Geist zu sein« reflektiert das Verhältnis von Seiendem und Nichtseiendem im All: »Geist zu sein / Oder / Staub, es ist / Dasselbe im All. // Nichts ist, um / An den Rand zu reichen / Der Leere. // Überhaupt / Gibt es ihn nicht. / Was ist, ist // und ist aufgehoben / im wandlosen Gefäß / des Raums.«

Tondokumente

  • Wandloser Raum audio/mpeg, 3 MB