Noch einmal »Westfalen als Schauplatz der Weltliteratur«. Die Rede ist von Günther Grass Novelle »Treffen in Telgte« aus dem Jahre 1979. Sie spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, als die Stadt Telgte auf dem Weg der Friedensreiter lag, die beständig zwischen den verfeindeten Parteien in Münster und Osnabrück unterwegs waren. Grass lässt – rein fiktiv – in Telgte ein großes Dichtertreffen stattfinden, eine Persiflage auf die Treffen der »Gruppe 47«. Und so kommt es, dass sich in dem kleinen westfälischen Städtchen die barocken Geistesgrößen deutscher Zunge in Telgte heftig theoretisch katzbalgen – um sich dann freilich bei Bier und fettem Gänsebraten wieder für eine Weile zu versöhnen. Grass’ Novelle hat exemplarischen Charakter. Sie beginnt mit den Worten: »Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht heute zugetragen haben. Diese fingen vor mehr als dreihundert Jahren an.« Hieran knüpfte in jüngerer Zeit Bora Cosic in seinem literarischen Essay »Ein neues Treffen in Telgte« an (Schreibheft. Zeitschrift für Literatur 43, 1994): »… die Bücher, die wir heute schreiben, haben andere längst geschrieben… Ich werde eingeladen zu einem Zusammentreffen…, das bereits stattgefunden hat, als wüßte man nichts darüber…« Das Zeitalter des Barock wird zum Exempel, zur frühen Nahtstelle heutiger Geschichte.
Tondokumente
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Das Treffen in Telgte audio/mpeg, 5 MB
