Hans Wollschläger wurde vor allem durch seine Übersetzung von James Joyces „Ulysses“ (1975) bekannt, die als eine der »großen sprachschöpferischen Leistungen der deutschen Literatur« gewürdigt wurde. Aber dies ist nur eines von vielen Arbeitsfeldern, auf denen sich der in Minden geborene Pastorensohn (1935-2007) hervortat. Durch das Engagement dieses »größten aller Diener«, wie er einmal genannt wurde, können wir heute Edgar Allan Poe, Marc Twain, Oscar Wilde und William Falkner in adäquaten literarischen Übersetzungen kennen lernen. Um eine gerechte Würdigung ging es Wollschläger auch im Falle Karl Mays, dem er eine eigene Biografie widmete und dessen Historisch-kritische Werkausgabe er mit herausgab. Wollschlägers breit gefächertes essayistisch-kritisches Werk zeichnet sich durch höchste rhetorische Brillanz aus. Sein literarisch ehrgeizigstes Projekt aber war sein experimenteller Roman »Herzgewächse oder der Fall Adam« (1982). Das nach mehreren Überarbeitungen verzögert erschienene und letztlich unvollendet gebliebene Werk des Arno-Schmidt-Adepten steht durch seine psychoanalytisch inspirierte, mehrschichtige Verwendung von Sprache in einem engen Bezug zu Wollschlägers Universalschaffen: seiner Auseinandersetzung mit James Joyce und Edgar Allan Poe sowie seiner geistigen Nähe zu Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und Karl Kraus. Im Mittelpunkt der – laut Untertitel – »Fragmentarische Biografik in unzufälligen Makulaturblättern« steht der fünfzigjährige jüdische Emigrant Michael Adam, der 1950 nach 15 Jahren Abwesenheit in seine Heimatstadt Bamberg zurückkehrt. In seinen laut Herausgeberfiktion postum veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit skizziert Adam zunächst die Phase des Wiedereinlebens und hält Eindrücke vom restaurativen Westdeutschland fest. Er beschäftigt sich in jener Zeit mit dem philosophischen Werk »Abschied von der Humanität«. Immer stärker drängen sich ihm Erinnerungen an die Kindheit auf, Bewusstseinsschichten und vorbewusst gespeicherte Erlebnisse. In der deutschen Gegenwartsliteratur nahm Wollschläger die Rolle eines Außenseiters und einer Autorität ein. Mit seinem Tod verlor die deutsche Literatur unbestritten einen ihrer originellsten Köpfe und Vordenker.
