Mit »Der weiße Jude« setzte Homann teilweise seine »Nachrichten aus der Provinz« fort, mit denen er zwischen 1966 und 1973 literarisch debütierte. Sein Comeback erlebte der Autor 1994 mit der Erzählung »Engelchen«, in der ein kleines blondes Mädchen von einem Stadtstreicher entführt und getötet wird. 1995 folgte der Roman »Ada Pizonka«, ein düsteres, dörfliches Sittengemälde, in dem die lebenslustige und hochmütige Titelfigur vom Täter zum Opfer wird. »Der weiße Jude« spielt in weiten Teilen in Westfalen. Das bäuerliche Leben wird vom Autor mit aller Hingabe zum Detail geschildert. Es bildet jedoch nur die Rahmenhandlung. Im Zentrum steht wie bei Homanns Entwicklungsroman »Klaus Ant« (1996) die psychologische Durchdringung und Durchleuchtung eines »gefährdeten« Charakters. Im vorliegenden Buch, als ein herausragendes Ereignis des deutschen Bücherherbstes 1998 gefeiert, geht es um den Hitlerjungen Fridtjof, der der Nazi-Ideologie mit allem Enthusiasmus verfällt und von arischer Rassenreinheit schwärmt. In einem Moment der Schwäche verrät er seinen Klassenkamerad Lennert, dessen Eltern drei behinderte Kinder vor den Nazis verstecken. Lennert selbst ist Halbjude, sein Vater ein heimlicher Sozialdemokrat – alles Dinge, von denen ein überzeugter Hitlerjunge Meldung machen müßte. An diesem Verrat zerbricht Fridtjof. Er ist von einer heimtückischen Krankheit befallen, der Lethargie, die ihn daran hindert, mannigfache Chancen, die sich ihm bieten, aufzugreifen. »Der weiße Jude« ist ein ganz ungewöhnliches Buch. Mit ihm hat Ludwig Homann das wohl seltsamste westfälische Sittengemälde nach Annette von Droste-Hülshoffs »Judenbuche« geschrieben.
Tondokumente
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Der weiße Jude audio/mpeg, 7 MB
