Das erste, 2002 veröffentlichte Buch Jürgen Noltensmeiers (geb. 1965), »Geburtenstarke Jahrgänge«, steckt voller slapstickreifer Szenen. Es firmiert zwar als Roman, ist aber kein »richtiger« Roman. Statt einer fortschreitenden Handlung werden Episoden aus der Karriere von vier »Landlümmeln« erzählt, deren respektloser Zynismus ein lippisches Dorf schier in die Verzweiflung treibt.Ohne Zweifel: In diesen skurril-aberwitzigen Storys lauert hochdosiertes subversives Potenzial. Es ist verteilt auf 15 Short-Cuts, die in den End-Siebziger Jahren spielen: Da im Dorf nichts los ist, nimmt eine anarchistische Chaos-Combo das Heft selbst in die Hand und lässt sich allerlei Abstruses einfallen. Die Geschichten aus der Pubertät entfalten dabei manche Schlüpfrigkeit und rotznasige Derbheit – »echt aus dem Leben« gegriffen, mit so berüchtigten Tatorten wie Schützenfesten und Saufpartys. Seitdem wissen wir, dass der Schrecken dieser Welt einen Namen hat: Kalletal. Dort ist Bildung nur sprichwörtlich bekannt: »Schiller sagt zu Goethe, du bist `ne alte Tröte«, lässt uns Autor Noltensmeier wissen. Unterm Strich wird der Lippischen Provinz gnadenlos, aber nicht ohne Sympathie der Garaus gemacht. So dreist und unbekümmert ist wohl selten das »Sittenbild« einer Landschaft gezeichnet worden. Ein flegelhaft-schönes Stück Schelmenliteratur heutiger Tage.Noltensmeier erzählt komisch, grotesk und tragisch zugleich. Die trockene Derbheit, mit der er gnadenlos aufs Ziel zusteuert, lässt den Leser mal entzückt, mal verblüfft zurück. Vielfach bühnenerprobt, beweist sich der Autor als ein Meister der Pointe. Mit dem Folgeband »Tweedhosen-Astronauten« lieferte Noltensmeier abermals »wunderbare Geschichten von Gestörten«, wie es auf dem Buchrücken heißt. Seine Episoden sind erneut schräg, schrill und verstörend. Im Gegensatz zum Vorgänger-Buch wird der autobiografische Faden mehr und mehr verlassen und das Geschehen driftet ins Surreale und Phantastische ab. Fühlt sich der Leser düpiert ob soviel nassforscher Willkür und Übermut? Keineswegs. Er kann sich mit daran erfreuen, wenn der Autor so richtig in Fahrt kommt und sich, wie es im Klappentext heißt, in einem grotesken Irrsinn verliert, »von dem wir immer befürchtet und gehofft haben, dass er den Dingen innewohnt«. Genau dann ist Noltensmeier in seinem Element…
