2004 Friedel Thiekötter: Wörterbuch der Sinnbegriffe

Das »Wörterbuch« erschien 2004 zu Thiekötters 60. Geburtstag. Es bildet eine Art Bilanz. Denn hier wird ein sehr persönliches Resümee gezogen. Die Maske fällt nicht, aber sie wird ein wenig gelüftet. Zugespitzter, radikaler und offener sah man den Autor nie. Das ABC entpuppt sich als Großreinemachen voluminösen Stils. Dabei geht es durchaus bitter und gallig-grantelnd zur Sache. Die Hoffnung auf ein »letztes Quentchen« Sinn und Erlösung fehlt bei Thiekötter, sie driftet ins Groteske ab. Das Leben als absurdes Theater – eine mögliche Lesart.

Thiekötters »Wörterbuch« hat auf akute Weise mit dem Alltag und Stimmungslagen zu tun. Dabei birgt sein Anything-Goes der Beobachtungskunde manches Risiko und viele Absturzgefahren.  Für den Leser wohlgemerkt. Denn mit dem vorgegebenen Ordnungsprinzip, dem A bis Z, liefern wir uns einem Autor aus, der ein listig-makabres Spiel mit uns treibt. Die Heterogenität des Materials, die Mixtur aus Aphorismus und Kalauer, Bedeutungsschwangerem und Banalem, letztendlich die Kunst der Pointierung verführt und animiert zum permanenten Weiterstöbern. Und allmählich dämmert die Einsicht, dass den Baustellen unseres Lebens nur durch abgrundtiefe Skepsis und eine gehörige Portion Nihilismus beizukommen ist. So hangelt man sich von Buchstabe zu Buchstabe und nimmt teil an einer Achterbahnfahrt, die doch nie am Ziel ankommt. Und die Conclusio, die Frage nach Sinn und Zweck aller Existenz? Bei Thiekötter bleibt sie auf der Strecke. Das Positive, Produktive liegt allein im Registrieren, im Wach-Bleiben, im Lauern auf (sprachliche) Paradoxien und Abstrusitäten.

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