»Kaiserstraße« ist ein magisches Wort. So wie es viele magische Wörter gibt. Sinalco beispielsweise oder Bonanza. Oder auch Nitribitt, Rosemarie Nitribitt. Es ist der Name des berühmtesten Callgirls der Adenauerzeit. 1957 wurde es in Frankfurt ermordet. Die Tat wurde nie aufgeklärt und gab Anlass zu Spekulationen. Hochrangige Politiker sollen in den Fall verwickelt gewesen sein, es roch nach einem Vertuschungsskandal. Das Ereignis, das endlos viele Spalten der Boulevardpresse füllte und zwei Mal verfilmt wurde (unter anderem 1959 mit Nadja Tiller in dem Skandalfilm »Das Mädchen Rosemarie«) hat Judith Kuckart in ihrem Roman »Kaiserstraße« neu aufgerollt und auf ihre Weise literarisch perspektiviert: Nicht die Täterfrage steht im Vordergrund, sondern die Assoziationskraft, die vom Mythos Nitribitt ausgeht. Erzählt wird – über fast fünf Jahrzehnte – die Geschichte des Handelsvertreters Leo Böwe, der von der Nitribitt-Geschichte derart fasziniert ist, dass sie für ihn lebensbestimmend und für seinen seinen persönlichen und Abstieg verantwortlich ist.»Kaiserstraße« verbindet Motive früherer Romane Kuckarts. Leo Böwe gleicht Hans-Ulrich Kolbe aus »Der Bibliothekar« (1998). Auch jener 53-jährige Oberbibliothekar ist von einer »fixen Idee« besessen, die ihn ins Unheil stolpern lässt. Er liest zufällig ein Buch über die Geschichte des Pariser Nachtclubs »Crazy Horse« und stürzt sich daraufhin ins Berliner Nachtleben. Als er der 28-jährigen Jelena verfällt, läuft sein Leben aus dem Ruder. Hier wie dort: das Triebhafte bricht auf unerklärliche Weise in den Alltag der Protagonisten ein, übt einen zerstörerischen Sog aus. Ein zweiter Erzählstrang aus »Kaiserstraße« schreibt ein Hauptthema Kuckarts fort, die Suche einer Frau nach dem Glück. Die Analogien, etwa zu »Lenas Liebe« (2002) oder den Erzählungen aus »Die Autorenwitwe« (2003) lassen sich bis in einzelne Figuren und Sätze verfolgen. Kuckarts Akteure sind ruhelose Existenzen, die in kaputten Welten leben und unter gestörten Beziehungen leiden. Oft scheitern sie an der Unfähigkeit, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Auch in »Kaiserstraße« stellt Judith Kuckart die existentielle Frage nach dem Sinn des Lebens und gelangt zu skeptischen Einschätzungen. Menschen sind, glauben wir der Autorin, oft getriebene Geschöpfe. Sie laufen vielleicht lebenslang einem Trugbild, einem Fetisch nach. Auch bei den kompositorischen Elementen bleibt sich die Autorin treu. Gemeint sind ihre lakonisch knappen, kargen Sätze und eine aufwändige Montagetechnik, die mit harten Schnitten, Rückblenden und Zeitsprüngen an Stilmittel des Films erinnert. Judith Kuckart, die Theaterfrau, liebt das Inszenieren. Sie führt mit straffer Hand Regie und konstruiert ihre Romane mit mathematischem Kalkül. Auch »Kaiserstraße« liegt, in Teilen zumindest, wie ein Puzzle vor uns. Dennoch fällt die Lektüre leichter als bei früheren Werken der Autorin, weil der chronologische Faden das Geschehen zusammenhält.Judith Kuckart erzählt, wie immer, mit starker, sinnlicher Emphase. »Kaiserstraße« ist ein Zeitroman mit hohem subversiven Potenzial. Oder, wie es in einer Kritik hieß: »So unsentimental betörend wie Judith Kuckart erzählt gegenwärtig niemand von der Droge Sehnsucht – und ihren verheerenden Nebenwirkungen.«
