H wie Heimat

Das Stichwort »Heimat« zieht sich wie ein roter Faden durch die westfälische Literaturproduktion und -rezeption. Das Panorama reicht von Karl Leberecht Immermanns  Roman »Münchhausen« (1838/39) bis in die heutige Zeit. Die in den »Münchhausen« eingefügten umfangreichen, in der Soester Börde spielenden »Oberhof«-Kapitel wurden später aus dem Werk herausgelöst und bildeten ein eigenes westfälisches Volksbuch mit vielen folkloristischen Einsprengseln. Immermann wollte im »Münchhausen« ein kräftiges Bild der westfälischen Lebenswirklichkeit zeichnen. Er hatte zuvor ausführlich westfälisches Brauchtum studiert. Besonders die realistischen Schilderungen von Land und Leuten, von Sitten und Zuständen fanden Anklang. Ebenso das Westfalenpathos, wie es der Jäger des Oberhofes verkündet: »Das ist der Boden, den seit mehr als tausend Jahren ein unvermischter Stamm trat! Und die Idee des unsterblichen Volkes wehte mir im Rauschen dieser Eichen und des uns umwallenden Fruchtsegens fast greiflich möchte ich sagen, entgegen.« Zur weiten Verbreitung des Romans trug auch die Idealisierung des Bauerntums in der Gestalt des urwüchsigen Hofschulzen bei. In ihm wurde ein deutsches Lebensbild von „echtem Schrot und Korn“ gesehen, dessen einfache, traditionsbewußte Lebensphilosophie überzeugte. Auch die Droste zeigte sich beeindruckt. Ein Großteil ihres Werks besteht aus Westfalendichtung, darunter ihre »Heidebilder« aus der Gedichtausgabe von 1844. Ihre »Judenbuche« sollte ursprünglich Teil des großangelegten, dann jedoch aufgegebenen Westfalenromans »Bei uns zu Lande auf dem Lande« bilden. Ein Nebenprodukt des geplanten Werks sind die »Westfälischen Schilderungen« der Autorin. – Ferdinand Freiligrath bezeichnete den »Münchhausen«-Roman als »die trefflichste Schilderung und Würdigung Westfalens, des Landes und der Menschen, die mir je vorgekommen ist«. Er fühlte sich zu einem eigenen Westfalenbuch, dem »Malerischen und romantischen Westphalen« (1841), inspiriert (s. das Stichwort Reiseliteratur). Ganze Bücherregale ließen sich mit Westfalenromanen füllen. »Bekennende« Westfalen wie Friedrich Wilhelm Weber mit seinem Westfalen-Epos »Dreizehnlinden« (1878) erzielten hohe Auflagen und wurden wie Volkshelden gefeiert. Nach 1900 gewann die Volkstumsidee an Boden. In den 1930er Jahre glitt die westfälische Literatur ins »Dritte Reich« ab. Seit Ende der 1950er Jahre wird der Heimatbegriff weltoffen und kritisch diskutiert und interpretiert. Heutige Autorinnen und Autoren setzen sich ganz unterschiedlich und ohne sentimentalen Überschwang mit ihrer Herkunft auseinander: selbstironisch (wie Hans-Ulrich Treichel oder Wiglaf Droste), in moderner Mundart (Norbert Johannimloh, Siegfried Kessemeier, Georg Bühren, Ottilie Baranowski) oder sprachartistisch (wie Gisela Corleis und Anke Velmeke).