Harald Hartung, 07.09.2010 Berlin, beim Autor privat Sie kommen ja aus dem Ruhrgebiet. Besuchen Sie die Region noch häufig und wie beurteilen Sie den Strukturwandel, auch im Hinblick auf das Kulturhauptstadt-Jahr?Wenn man das heutige Ruhrgebiet mit dem früheren vergleicht, geht da ein Stück Erinnerung verloren?Führen Sie ein zurückgezogenes Leben hier in Berlin oder nehmen Sie auch aktiv noch am Kulturleben teil?Wer so vielfältig orientiert ist wie Sie, der bekommt sicherlich viele Angebote. Was nehmen Sie noch an?Sind Termindruck und Abgabefristen vielleicht auch positive Stimulationen, denen man sich gern aussetzt?Ihr Lebensmittelpunkt ist ja seit Jahrzehnten Berlin. Brauchen Sie ein großstädtisches Ambiente mit vielfältigem Kulturangebot oder könnten Sie auch ganz woanders leben?Sie leben in einer großen und lauten Stadt und schreiben stille, meditative Gedichte. Ist das nicht eine Art Widerspruch?Ihre frühere Lyrik wurde als intellektuell charakterisiert. In Ihren ersten Lyrik-Bänden kommen zudem das Politische und Zitate anderer Literaturgrößen vor. Heute dagegen stehen das Intime und das Sinnliche im Vordergrund. Sie haben mal gesagt: „ein perfektes Gedicht ist wie ein perfekter Mord. Beiden merkt man nicht an, wie viel Präzision in Arbeit dahinter steckt.“ Wie viel Anstrengung steckt eigentlich in Ihren Gedichten?Und in welchem Zusammenhang kann man das jetzt mit Ihrem Satz sehen, „ein Gedicht sei wie ein perfekter Mord“?Ist das Schreiben auch oft für Sie eine qualvolle Tätigkeit? Ich zitiere erneut: „Schreiben ist nicht bloß Lust, sondern auch Plage, Anstrengung, vielleicht Verzweifelung. Man schreibt weiter, weil alles bisher Geschriebene nicht die Erfüllung ist. Man schreibt weiter, weil das Geschriebene ein Werk werden möchte. Kurz: Man hat nicht übel Lust sich von diesem Fetisch ‚Arbeit und Werk’ auch mal zu befreien.“Sie haben die Beliebigkeit der zeitgenössischen Lyrik stark kritisiert. Ist für Sie die Lyrik die höchste literarische Gattung und muss sie deshalb vollkommen sein?Die formale Meisterschaft Ihrer Lyrik bleibt eher verdeckt. Es wurde einmal in einer Kritik von der unauffälligen formalistischen Perfektion gesprochen, als Anspielung auf die exakte rhythmische Akzentuierung Ihrer Texte. Heinrich Detering sprach von einer Schönheit, die sich beinahe verlegen ins Unauffällige kleidet. Wie wichtig ist Ihnen die Form?Detering hat aber auch das Hintergründige dieser Attitüde, die sie vertreten, hervorgehoben. In Wirklichkeit gehe es seiner Meinung nach in den Gedichten um Leben und Tod.1985 haben Sie einen Gedichtband „Traum im deutschen Museum“ tituliert. Es folgte dann später der Band „Langsamer Träumen“. Spielen Sie hier bewusst mit Motiven des Eskapismus?In diesem Band „ Langsamer Träumen“ finden sich auch lakonische, selbstironische Töne. Muss man eine solche selbstironische Distanz zum eigenen Gedichtschaffen mitbringen?Sie sind ja nicht nur als Lyriker und Wissenschaftler bekannt geworden, sondern auch als Anthologist, z.B. der Sammlung „Luftfracht“. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus? Eher intuitiv oder eher strukturell?Bis vor wenigen Jahren war ja gänzlich unbekannt, dass Sie auch ein versierter Maler sind. Wie wichtig ist Ihnen die Malerei?Gibt es Analogien zwischen dem Lyriker und dem Maler Harald Hartung, etwa hinsichtlich der Originalität des Blickes?Ihre Gemälde halten oft Reiseimpressionen fest. Wie wichtig sind Ihnen Reisen, in denen Sie Berlin verlassen?Verfolgen Sie den Literaturbetrieb, wie z.B. die Diskussion über Helene Hegemann, mit Interesse? Wie beurteilen Sie Ihre Stellung in der Literaturlandschaft? LesungStandardinterviewindividuelles Interview